Der Empfänger
ERZÄHLUNGEN UND ROMANE
Informationen: , 22 €
Verlag: Klett-Cotta
Rezension
Josef Klein wird überrannt von seiner eigenen Geschichte. Als junger Mann ist er aus Deutschland in die USA ausgewandert und ergattert einen Job in einer Druckerei. Viel Geld ist dort nicht zu verdienen, aber er braucht nicht viel und widmet sich in seiner Freizeit begeistert dem Amateurfunk. Irgendwann wird er angesprochen: Seine Fähigkeiten sind gefragt, er könnte sich mit ein paar Aufträgen etwas dazuverdienen. Es ist 1939 und eigentlich weiß er, was in Deutschland vor sich geht, hat selbst Kontakte zu nationalistisch eingestellten Deutschen in New York. Die Augen verschließen vor dem Offensichtlichen – wie geht das? Lenzes Erzählung arbeitet mit Rückblenden und folgt Josef Kleins Geschichte, während er sich nach dem anfänglichen Übermitteln bloßer Zahlenreihen bald nicht mehr mit Unwissenheit herausreden kann. Er arbeitet für die Deutschen, wird vom Empfänger zum Sender und bleibt doch jenseits des Funkgeräts ein Empfänger von Anweisungen. So wenig Haltung in seinem Tun steckt, so wenig zeigt er später Reue. Das Verhalten des Protagonisten, mal überstürzt und heftig, mal aufschiebend oder gar nicht reagierend, transportiert der Roman in ruhigen, ernsten Tönen. Die Chancen, Kontrolle über die Situation zu erlangen, scheinen dem Leser greifbar – für den Protagonisten sind sie es nicht wirklich.
(mel)