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Thomas Hettche

Pfaueninsel

ERZÄHLUNGEN UND ROMANE

Informationen: , 19.9 €

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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Redaktion

Leser

Rezension

Heute bevölkern Berlintouristen (als Geldquelle) und Wasserbüffel (als Rasenmäher) das ehemalige Sommerresidenzinselchen der preußischen Könige. Wasserbüffel lebten auf der Pfaueninsel damals schon, zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Wo auch Hettches Roman einsetzt, der die betörende Sprachwucht der zeitgenössischen Schwarzen Romantik nutzt. Man trinkt Citronenlimonade aus Silberbechern. Die junge Königin Luise, umhüllt von Gaze, rennt einem Ball hinterher in den Baumschatten: "Als wäre sie durch einen Vorhang in eine andere Welt getreten, war es plötzlich still um sie her bis auf das leise Summen müder Insekten." Ein Kind im Unterholz erweist sich als Zwergwüchsiger, Bruder der Zwergin Marie, als "Schlossfräulein" aus Rixdorf hergeholt. Die Königin - wenige Wochen später schon tot - erklärt beide zu Monstern. Die verletzte Marie wird Jahrzehnte der Umwälzungen erleben bis zur Industrialisierung. Denn der Moloch aus Ruß und Arbeit entsteht wenige Kilometer vom Gartenidyll der Inselprivilegierten. In einem properen historischen Roman muss es Sex und Sinnlichkeit geben. Hettches Erzähler verweist lakonisch auf Stationen europäischer Gartenkunst sowie entsprechende Sexfantasien - wie jene komplizierte Erotik der zweiten Königin mit Kammerjungfer und frühem Stromgenerator.

(jv)

Kurzbeschreibung

Eine Insel außerhalb der Zeit: Die Pfaueninsel in der Havel ist ein künstliches Paradies. In seinem opulenten, kundigen und anrührenden Roman erzählt Thomas Hettche von dessen Blüte, Reife und Verfall aus der Perspektive des kleinwüchsigen Schlossfräuleins Marie, in deren Lebenslauf sich die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts verdichtet. Es mutet an wie ein modernes Märchen, denn es beginnt mit einer Königin, die einen Zwerg trifft und sich fürchterlich erschrickt. Kaum acht Wochen nach dieser Begegnung auf der Pfaueninsel, am 19. Juli 1810, ist die junge Königin Luise tot – und der kleinwüchsige Christian und seine Schwester Marie leben fortan weiter mit dem entsetzten Ausruf der Königin: »Monster!« Damit ist die Dimension dieser Geschichte eröffnet. Am Beispiel von Marie, die zwischen den Befreiungskriegen und der Restauration, zwischen Palmenhaus und Menagerie, Gartenkunst und philosophischen Gesprächen aufwächst und der königlichen Familie bei deren Besuchen zur Hand geht, erzählt Thomas Hettche von der Zurichtung der Natur, der Würde des Menschen, dem Wesen der Zeit und der Empfindsamkeit der Seele und des Leibes. Dabei geht es um die Gestaltung dieses preußischen Arkadiens durch den Gartenkünstler Lenné und um all das, was es bevölkerte: Palmen, Kängurus und Löwen, Hofgärtner, Prinzen, Südseeinsulaner, Riesen, Zwerge und Mohren – und es geht um die Liebe in ihren mannigfaltigen Erscheinungsformen. Thomas Hettche ist das Kunststück gelungen, mit dem historisch verbürgten Personal seiner Geschichte von uns Heutigen zu erzählen. Atmosphärisch, detailgetreu und voller Lust an der phantasievollen Ausschmückung.


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